Sebastian Hahn – Blog

Nur ein paar Schnipsel von mir...

Gelesen: „Die Chroniken der Zeitpatrouille“ von Poul Anderson

Vor einigen Wochen empfahl mir ein anderer Mastodon-User (ich weiß leider nicht mehr genau, wer es war, vermutlich aber Die Krähenpost, der mir auch diverse Bücher von Stanislaw Lem ans Herz gelegt hat – hier) in einem längeren Thread, in dem wir uns über Science Fiction-Klassiker austauschten, das Buch, das zum Thema des heutigen Blog-Eintrags wurde: „Die Chroniken der Zeitpatrouille“ von Poul Anderson.

Poul Anderson: „Die Chroniken der Zeitpatrouille“, erschienen im Heyne-Verlag

Nachdem dieser umfangreiche Sammelband (auf meinem iPad immerhin etwas über 1.100 Seiten lang) für wenig Geld bei Apple Books angeboten wurde, kaufte ich das Buch und las es über die folgenden Wochen Stück für Stück beim täglichen Üben. Das Lesevergnügen war enorm hoch – kein Wunder, denn die Idee des Buchs sowie die ersten Geschichten entstanden in der Blütezeit der Science Fiction des 20. Jahrhunderts. Zum Teil lag das Vergnügen aber durchaus auch daran, dass ich mittlerweile eine vertiefte Kenntnis der Materie und auch eine gewachsene Einschätzungsfähigkeit der Entstehungszeit besitze, beides ist nötig, um das Werk vollständig zu würdigen (im Vergleich zu modernen Science Fiction-Romanen wie denen von John Scalzi würde dieses Werk ohne die Berücksichtigung der gewachsenen zeitlichen Distanz etwas weniger gut wirken). Dazu komme ich jedoch später noch.

Die Zeitpatrouille


Alle Geschichten handeln in unterschiedlich starkem Grad von den Erlebnissen einzelner Personen der Zeitpatrouille, einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit ihren Zeitreise-Choppern (die Teile werden tatsächlich wie fliegende Motorräder, die den Fahrer durch Zeit und Raum transportieren können, beschrieben) an entscheidenden Zeitpunkten (also größeren Wendepunkten) aufzutauchen, diese zu analysieren und dann für einen geregelten Ablauf der bereits geschehenen und aufgezeichneten Geschichte zu sorgen. (Interessanterweise greift die Serie Star Trek: Enterprise diesen Gedanken in Grundzügen auf und spinnt daraus in der zweiten Staffel einen mehrere Episoden überspannenden Handlungsbogen, der stellenweise ziemlich dystopisch geraten ist…)

Nötig wird das nur, weil sich im Lauf der Zeit einige Individuen dazu aufgemacht haben, sich in der Weltgeschichte herumzutreiben und diese regelrecht auf den Kopf zu stellen. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich: Schlicht der Willen, einen anarchischen Zustand herbeizuführen, der die Geschichte aus der bereits durchlaufenen Bahn wirft und dadurch auch die Entstehung der Zeitpatrouille verhindert, oder schnödes Gewinnstreben, wenn ein Bösewicht durch seine technologische Überlegenheit in einer zurückliegenden Epoche eine ganze Region versklavt, um dort ordentlich „abzusahnen“.

Die Zeitpatrouille ist dabei in mehrere Untergruppen aufgeteilt: Einige sind zuständig für die Überwachung einer Region in einer für einen Normalsterblichen überschaubaren Zeitspanne, andere überwachen eine Region im Verlauf einer längeren Zeitperiode, andere sind sog. Ungebundene, die in allen Epochen und überall auf der Erde (oder auf assoziierten Planeten) eingesetzt werden können. Letzteren Status erreicht man nur, wenn man im Einsatz überragende Fähigkeiten bewiesen hat. Selbstverständlich steht mit Manse Everard ein Charakter im Zentrum, der eben diesen ungebundenen Status gleich am Ende der ersten Episode erreicht.

Und dann geht es los: In etlichen Episoden unterschiedlichster Länge (von unter zehn bis zu gut zweihundert Seiten Länge) erlebt man als Leser sowohl unterhaltsame, fantastische (z.B. das Ausbildungslager in einem sehr frühen Weltzeitalter, als es noch gar keine intelligenten Menschen auf diesem Planeten gab), grausame, bedrückende und – am häufigsten – schlicht spannende Abenteuer, wie es sie eben nur im Bereich der Science Fiction geben kann. Es ist nicht möglich, die Episoden in eine Schublade zu stecken, so unterschiedlich fallen sie aus. Einzig die Tatsache, dass alle Episoden das Zeitreise-Element aufweisen, ordnet sie insgesamt dem Science Fiction-Genre zu.

Kind seiner Zeit


Manse Everard, so heißt die Hauptfigur, die in fast allen Geschichten der Sammlung im Zentrum steht (wenn er es einmal nicht tut, erscheint er aber kurz vor Schluss, um die Situation als Retter zu bereinigen), ist ein Mann, der fast punktgenau den 1950er oder 1960er Jahren entsprungen zu sein scheint. Mit der geschichtlichen Distanz zur Entstehungszeit der Geschichten kann man seinen Charakter mit einer ordentlichen Prise Humor nehmen, dann stört es nicht, dass er grundsätzlich ein sexistischer Macho ist, zu dem alle Frauen in seiner Umgebung aufschauen (ob da vielleicht ein Wunschdenken des Autors mit ins Spiel kam?), sich ihm hingeben und ihn grundsätzlich anhimmeln. Man fühlt sich an vielen Stellen in eine Science Fiction-Version von James Bond versetzt. Interessant war, dass ich all diese Charakterzüge, die heute politisch überhaupt nicht mehr korrekt wären, durch das Bewusstsein des Alters der Geschichten überhaupt nicht schlimm fand, es war eher amüsant – vergleichbar dem Ansehen eines alten Heinz Erhardt-Films, in dem ja auch ein mittlerweile veraltetes Gesellschaftsbild gezeichnet wird.

Poul Anderson schrieb die verschiedenen Episoden über einen Zeitraum von gut 30 Jahren, beginnend 1960, wo gleich in der ersten Geschichte der Charakter Manse Everard eingeführt wird, bis in die frühen 1990er Jahre hinein. Der Sammelband, den ich gelesen habe, erschien 1997. Die Prägung des Charakters ist also den späten 1950er bzw. frühen 1960er Jahren geschuldet. Vielleicht hat es Anderson sogar Spaß gemacht, diesen Typ Mann auch in späteren Jahrzehnten immer wieder neu zu beleben. Wie ich schon geschildert habe: Mich hat es nicht gestört, ich habe mich gut dabei amüsiert.

Fazit


Der Autor Poul Anderson war mir vor der Lektüre vollkommen unbekannt gewesen, nun bin ich auf den Geschmack gekommen. Wenn nicht schon so viele andere Bücher auf dem virtuellen Stapel lägen, würde ich mich gleich in das nächste seiner Werke stürzen – aber das kommt noch. Ganz sicher.

Besonders der abwechslungsreiche Episodencharakter hat mir diesen umfangreichen Sammelband besonders angenehm zu lesen gemacht. Sonst bin ich eher ein Freund einer langen zusammenhängenden Erzählung, nicht ganz umsonst gehört Stephen King zu meinen Lieblingsautoren. Hier gibt es aber durch die Organisation der Zeitpatrouille einen roten Faden, es ist wie mit einer guten Fernsehserie, bei der man sich an das Setting und die Charaktere gewöhnt und dann die neuen Folgen gleich im richtigen Kontext sieht.

Wenn man die zeitliche Distanz – vor allem jene zur Entstehung der Grundidee sowie des Hauptcharakters – erkennen und als solche schätzen kann, wird man das Buch sicher genauso genießen können, wie es mir gelang. Wenn man sich jedoch an einem aus heutiger Sicht veralteten Frauenbild und einer dominanten Männerrolle in der Gesellschaft stört, dann wird aus dem Lesegenuss wohl eher ein Lesefrust.

Wie ich schon mehrfach zu erkennen gab, hat mir das Buch sehr gefallen, ich kann es kaum erwarten, weitere Werke des Autors zu lesen. Da er überaus produktiv war und über 100 Romane im Verlauf seines Lebens veröffentlichte, wird mir der Stoff so schnell auch nicht ausgehen. Leider konnte ich keine Hörbücher der Geschichten der Zeitpatrouille finden, das wäre für mich ein echtes Vergnügen gewesen, beim Laufen noch einmal in die Episoden einzutauchen. Schade, aber nicht zu ändern.